Die Kunst der leeren Fläche
13 October 2026
Warum Zurückhaltung im Raum die eigentliche Grosszügigkeit ist.

Es gibt einen Moment, kurz nach dem Einzug, in dem eine Wohnung eigenartig richtig wirkt. Die Kisten sind ausgepackt, aber noch nicht alles hat seinen Platz gefunden. Das Licht fällt ungehindert über den Boden. Ein Stuhl steht allein am Fenster, und man sieht ihn zum ersten Mal wirklich.
Wenige Monate später ist dieser Moment meist vorbei. Nicht, weil man die falschen Dinge gekauft hätte, sondern weil sich Dinge ansammeln: ein zweiter Beistelltisch, eine Schale für die Schlüssel, eine Vase, die ein Geschenk war. Jedes für sich ist vertretbar. Zusammen nehmen sie dem Raum, was ihn getragen hat.
Warum Leere kein Mangel ist
Die leere Fläche ist kein Mangel. Sie ist das, was einem Gegenstand erlaubt, gesehen zu werden. Ein Sofa, das Raum um sich hat, wird zur Skulptur. Dasselbe Sofa, eingerahmt von Regalen, Stehlampen und Körben, wird zur Sitzgelegenheit.
In der japanischen Ästhetik gibt es dafür ein Wort: Ma, der Zwischenraum. Gemeint ist nicht das Nichts, sondern die Pause, die einem Klang erst seine Form gibt. Ein Raum ohne Pausen ist wie ein Satz ohne Komma. Man versteht ihn, aber man atmet nicht.
Gerade in Zürcher Altbauwohnungen lohnt sich diese Haltung. Fischgrätparkett, hohe Decken, Stuck an den Rändern: Der Raum bringt seine eigene Ornamentik mit. Wer ihn zusätzlich füllt, lässt beides untergehen. Wer ihn freilässt, gibt ihm die Bühne zurück. Und in Neubauten mit offenen Grundrissen ist es oft der einfachste Weg, Zonen zu bilden, ohne Wände zu ziehen: durch ein Möbel, das Raum um sich hat, statt durch viele, die ihn füllen.
Drei einfache Schritte
Wer anfangen möchte, braucht keine Umgestaltung. Es genügt, eine einzige Fläche zu bestimmen, die leer bleibt: das Sideboard im Flur, die Hälfte des Esstischs, die Fensterbank. Eine Woche lang wird nichts darauf abgelegt. Man merkt schnell, wie oft die Hand dorthin will, und wie ruhig der Blick wird, wenn sie es nicht darf.
Der zweite Schritt ist das Wegnehmen vor dem Hinzufügen. Bevor ein neues Stück in die Wohnung kommt, lohnt sich die Frage, welches sie verlässt. Nicht als Regel, sondern als Gewohnheit. Sie verändert, wie man kauft: seltener, langsamer, und mit mehr Freude an dem, was bleibt.
Der dritte ist geschlossener Stauraum. Offene Regale sind schön, solange wenig darauf steht. Was täglich gebraucht wird, aber nicht gesehen werden muss, gehört hinter Türen. Dann kann das, was sichtbar bleibt, etwas bedeuten.
Zurückhaltung wird oft mit Kargheit verwechselt. Dabei ist sie eine Form der Grosszügigkeit: gegenüber den Dingen, denen man Raum gibt, gegenüber dem Licht, das wieder über den Boden fallen darf, und gegenüber sich selbst, wenn man abends in einen Raum kommt, der nichts von einem verlangt.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage beim Einrichten. Nicht: Was fehlt noch? Sondern: Was darf bleiben?
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